From Here
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From Here

In ihrer aktuellen Arbeit beschäftigt sich Andrea Gohl mit Yorkville, einem Quartier in Manhattans Upper East Side, in welchem sie über Jahre viel Zeit verbracht hat. Durch Veränderungen, persönliche wie auch gesellschaftliche, nutzt sie den Moment, um aus ihrer eigenen Vertrautheit dem Ort gegenüber genauer hinzuschauen. Sie interessiert sich für das Nebeneinander von Themen und Strukturen, die Differenz zwischen Orten und deren wechselseitige Beeinflussung ebenso wie unterschiedliche Zeitlichkeiten. In der Ausstellung vereint sind ein Essay Film, eine Geschichte aus einem Archiv und eine fotografische Serie. Das Fenster agiert als immer wieder auftauchendes Element.

Der Essay Film „five-minute walk“ basiert auf einem Spaziergang der Autorin mit einem native New Yorker durch Manhattans Upper East Side - genauer gesagt von der East 83rd Street zum East River. Auf dieser vertrauten Strecke findet eine Reflektion über den Ort statt, welche die Autorin später mittels drei unterschiedlichen Voiceovers über Videoseqnenzen verarbeitet und neu orchestriert. Unterschiedliche Stimmfarben, Wahrnehmungen, Perspektiven und Kontexte begegenen und reiben sich rund um den Ort und treffen auf filmische Beobachtungen auf der Strasse, an Strassenecken, im Park, Esplanade und beim Fluss. Das sind die Schauplätze, wo sich fragmentarisch Geschichten in Ton und Bild begegnen. Gohls Interesse liegt in der Art und Weise, wie sich Raum und Beziehungen zu Orten produzieren. Fragen nach individueller Präsenz, Körperlichkeit, Performance, Zufall und Erinnerung eröffnen sich sowohl in den gesprochenen Texten wie auch in den Beobachtugen im öffentlichen Raum.

Neben der ganz alltäglichen räumlichen Praxis, die oftmals flüchtig ist, greift die Autorin ebenso die Idee des Behausens und Verortens auf – durch die Art und Weise, wie Räume besetzt werden einerseits und durch das Verweilen und präsent sein von Stadtbewohner_innen und schliesslich der Autorin selbst im öffentlichen Raum.

„Spite House“, eine Geschichte aus dem Archiv, greift das Thema des Behausens und das Motiv des Fensters punktuell im Verweis auf einen frühen „real easte war“ (Grundstückkrieg) auf. An der Nordwest Ecke der East 82nd Street und der Lexington Avenue kommt es im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Streit zwischen zwei benachbarten Grundstückbesitzern. Es geht um die Aussicht auf die Lexington Avenue, der damals neuen Verkehrsader durch Manhattan, auf welche die Fenster gerichtet sein sollen. Nach Nicht-Einigung über den Verkaufspreis des Grundstücks entlang der Avenue, verbaut der Besitzer dieses schmalen Streifen Lands seinem Nachbarn die Fenster zur Strasse. So entsteht – aus Trotz –das schmälste Haus in Manhattan, in welchem Joseph Richardson, der Eigentümer, bis zu seinem Lebensende wohnt. Die Geschichte wird in den 80er Jahren wieder aufgegriffen und in einem fotografischen Auftrag dokumentiert.

Während das Fenster in diesem Beispiel einen Imaginationsraum eröffnet, wird es in „Walkup“ in all seinen Mutationen selbst zur Schau gestellt und fungiert gleichsam als Spiegel der Stadt und Framing. Die fotografische Serie wurde rund um die East 83rd Street aufgenommen. Es sind Fenster von alten „walkup buildings“ (Häuser ohne Lift, bis ca. 5 Stockwerke hoch) – zeitgezeichnete Oberflächen, verstaubte reflektierende Gläser, transformierte architektonische Elemente, Ornamente, Air Conditioner. Hier präsentieret sich das Fenster selbst. Sie sprechen von Anpassungen und Ausharren über Zeit währenddessen sie in ihrer ungeplanten Ästhetik auch in sich geschlossene selbstgenügsame Bilder sind. Die Bilder zeugen ebenso von einem verschwindenden Baustil, einem verschwindenden New York.